Urban Miner | Von kollaborierenden Wölfen und jähzornigen Göttern
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Von kollaborierenden Wölfen und jähzornigen Göttern

Von kollaborierenden Wölfen und jähzornigen Göttern

Dieser Text ist Teil eines Vortrags im Rahmen des FM-Days 2019

Disruption und Innovation – wer kann’s noch hören? Die Wörter werden dermaßen inflationär verwendet, sodass Godfather Joseph Schumpeter nun für Vieles herhalten muss. Wir tappen oft in die Falle, Disruption mit dem Erfüllen von menschlichen Bedürfnissen zu verwechseln.

Sehen wir uns die erste wirklich große Disruption an: Das Haltbarmachen von Nahrung. Wir befinden uns also gerade in der Steinzeit. Wir schaffen es immer effizienter Lebensmittel auf Vorrat anzulegen, verwenden Gefäße aus tierischem Material, füllen Milch ab und erfinden dadurch zufällig den Käse. Unser Tagesablauf änderte sich: Anstatt den ganzen Tag Gedanken darauf zu verwenden, wie, wann und wo wir wieder an Nahrung kommen, hatten wir plötzlich Ressourcen frei, um uns weiterzuentwickeln, Werkzeuge zu bauen, effizienter zu werden, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen. Wir konnten uns damit beschäftigen, die Mängel unseres Körpers zu kompensieren.

Gleichzeitig erkannten wir, dass Allianzen Sinn machen. Wir sind zu dieser Zeit immer noch Jäger. Aber nicht der beste. Denn der bessere Jäger war immer noch der Wolf. Anstatt mit ihm zu konkurrieren oder ihn gar zu bekämpfen, haben wir uns mit ihm verbündet. Wir haben unsere Kompetenzen gebündelt und etablierten die erste Kollaboration. Anstatt uns gegenseitig das Futter abzuluchsen, arbeiteten wir künftig zusammen und fanden zu einem gemeinsamen sozialen Miteinander.

Diese Disruption war ein Grundpfeiler zur ausdifferenzierten evolutionären Entwicklung, wie wir sie heute kennen. Es macht auch deutlich, wie inflationär wir diesen Begriff heute verwenden, für Vorgänge, die wesentlich weniger Impact auf unsere Gesellschaft haben. Innovation speist sich zumeist aus dem Befriedigen von Bedürfnissen oder dem Kompensieren von körperlichen Mängeln, die allerdings auch nur durch unsere Bedürfnisse sichtbar werden. Soll heißen: Vereinfacht ausgedrückt, hatten wir immer das Bedürfnis miteinander in Kontakt zu sein. Unsere menschlichen Körper sind allerdings nicht in der Lage sehr weit zu kommunizieren. Als nutzten wir früher Rauchzeichen, heute das Handy. Daher ist Mobiltelefon nur bedingt disruptiv, sicher aber innovativ. Das Bedürfnis nach Vernetzung, sozialem und wirtschaftlichen Miteinander spiegelt sich in unseren Lebensräumen wider. Nehmen wir Infrastrukturwege. Wir kennen den Pony-Express. Jede Station war von der nächsten so weit entfernt, wie lange es braucht, bis ein Pferd wieder getränkt werden muss. Wir siedelten uns in optimaler Handelsdistanz an und in Anknüpfung eines Netzwerkes. Und dem tut auch die Digitalisierung keinen Abbruch.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Zufall eine Chance geben

Die Seidenstraße ist ein uralter Handelsweg. Nun wird er wiederbelebt. Warum in Zeiten digitaler Nomaden und Dislozierung? Weil es uns ein Bedürfnis ist, Knotenpunkte zu knüpfen, mit Menschen real zusammenzutreffen und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Weil uns die Digitalisierung unsere Sehnsucht nach Echtheit spüren lässt. In Österreich entstehen entlang der Westbahnstrecke (als Verlängerung der Seidenstraße) Räume des Zusammentreffens, der haptischen Arbeit, des Austauschs. Wir benötigen Orte, in denen Kompetenzen, Erfahrungen, Sichtweisen und Technologien auf Experimentierflächen aufeinandertreffen. Es ist kein Wunder, dass Innovationen oftmals in Garagen entstehen. Dort sind viele Regulative und Normen außer Kraft gesetzt – zugunsten von gedanklichem und schöpferischem Freiraum. Die Überlagerung und Verschiedenheit mündet in Neukombinationen. Und das ist es, was Schumpeter Innovation nennt. Gäbe es diese Räume nicht, hätte der Zufall der Neukombination keine Chance.

Heute könnten wir den Turm von Babel bauen

Wird doch die Digitalisierung immer etwas argwöhnisch und mit kritischem Auge betrachtet, da sie uns angeblich auseinandertreibt und uns zu Bits-and-Bytes-Eremiten macht, übersehen wir oft, dass es der wahrscheinlich größte Schlüssel zur Teilhabe unterschiedlichster Charaktere ist. Mit unseren heutigen Möglichkeiten würden wir – einem jähzornigen Gott zum Trotz – den Turm von Babel fertigbauen. Unterschiedliche Sprachen wären keine Barriere mehr. Was aber mit Menschen, deren uneingeschränkte Teilhabe durch andere Faktoren gehindert wird? Weil sie sich anders mitteilen, weil sie einen anderen Blick auf die Welt haben, eine andere Wahrnehmung. So wie Franz hier, der in einer speziellen Einrichtung der Volkshilfe Oberösterreich wohnt. Erst durch Tablet und eine App ist er in der Lage, nahezu uneingeschränkt zu kommunizieren. Damit sind auch seine „Rauchzeichen“ zuerst in der digitalen Welt angekommen, sein Bedürfnis wurde erkannt, sein Problem von einer kollaborierenden Community aus Wölfen, Pony-ReiterInnen, Babel-BauerInnen und SchumpeterianerInnen gelöst und wieder in das reale Leben zurückgespielt, was Franz ein Stück Selbstbestimmtheit und Teilhabe am sozialen Miteinander zurückgibt. Eine beachtliche Innovation, für Franz eine befreiende Disruption.

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