Urban Miner | Ikone an der Themse: Auf Kohle folgt Apple
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Ikone an der Themse: Auf Kohle folgt Apple

Ikone an der Themse: Auf Kohle folgt Apple

Brownfields sind die stillen Zeugen der industriellen Entwicklung unserer Gesellschaft. Für die Wiedereingliederung in den Wirtschaftskreislauf, für erfolgreiches Urban Mining, gibt es mittlerweile zahlreiche internationale Beispiele. Die Blogs der Tabakfabrik Linz und der Urban Miner widmen vielversprechenden Industriebrachen in ganz Europa eine Serie von Beiträgen. Den Auftakt macht die Battersea Power Station in London.

Text: Christoph Weiermair

Visualisierung: WilkinsonEyre

Wie wird ein Bauwerk zur Ikone, zum Wahrzeichen einer Weltstadt? Bei der Battersea Power Station, jenem Kohlekraftwerk am Südufer der Themse in London, spielte auch ein Schwein eine gewichtige Rolle. Um genauer zu sein ein neun mal 4,5 Meter großes, mit Helium befülltes Stoffschwein, das die britische Rockband Pink Floyd für das Cover zum Album „Animals“ zwischen den Schornsteinen aufsteigen ließ und damit sogar eine Sperre des Flugverkehrs rund um London-Heathrow auslöste; – das an dünnen Kabeln befestige Schwein hatte sich „losgerissen“ und war unkontrolliert bis auf eine Höhe von fast 6000 Metern aufgestiegen.

Das war 1977, sechs Jahre bevor die vier in weiß gehaltenen Schlote von Battersea für immer zu rauchen aufhören sollten. Nach seiner Stilllegung war das ehemalige Kohlekraftwerk, eines der größten Ziegelgebäude der Welt, eine „brick cathetral“, ein „temple of power“, erbaut ab 1929 nach Plänen von Architekt Sir Giles Gilbert Scott, der auch die ebenfalls an der Themse gelegene Bankside Power Station (heute Heimstätte der Tate Modern) realisierte, jahrzehntelang Gegenstand von Spekulationen. Einigkeit bestand lediglich über die Erhaltenswürdigkeit des Gebäudes, die Ideen für eine alternative Nutzung wechselten beinahe so schnell wie die potenziellen Investoren, die angesichts der explodierenden Immobilienpreise in London schnell ein begehrliches Auge auf die ausgesprochen zentral gelegene Industriebrache geworfen hatten. Im Jahr 2008 kündigte etwa der FC Chelsea an, ein Fußballstadion für bis zu 75.000 Zuseher in das großteils denkmalgeschützte Ensemble von Battersea integrieren zu wollen. Die hochtrabenden Pläne wurden genauso verworfen wie viele andere zuvor. 2012, als Battersea erstmals öffentlich um einen Preis von 500 Millionen Pfund zum Verkauf angeboten wurde, gab Chelsea erneut ein Gebot ab, zog gegenüber einem Konsortium rund um die malaysischen Unternehmen S P Setia und Sime Darby aber den Kürzeren.

Seither folgt die Entwicklung der Battersea Power Station dem Masterplan des Architekten Rafael Viñoly, weltbekannt unter anderem für Bauwerke wie 20 Fenchurch Street („Walkie Talkie“) in London oder den Super-Wolkenkratzer 432 Park Avenue, der sich 426 Meter in den Himmel von Manhattan schraubt. Viñolys Idee für das 160.000 Quadratmeter große Battersea-Areal beinhaltet sowohl die Revitalisierung des Kraftwerkskomplexes – unter anderem als Bürofläche -, als auch die Schaffung eines zur Themse ausgerichteten Riverside Parks. Das zum Wasser frei stehende Kraftwerk selbst wird von Wohngebäuden, die zum einen von Frank Gehry, zum anderen von Norman Foster entworfen wurden, regelrecht eingerahmt. Die Verbindung zur neuen Station der London Underground erfolgt über eine „High Street“ entlang von Cafés und Shops. Einen weiteren Zugang ermöglicht ein „Prospect“ genannter Platz, der von Südosten einen freien Blick auf das Kraftwerk eröffnet.

Wie gefragt die künftigen Büro- und Wohnflächen in und rund um Battersea sind, beweist nicht zuletzt der für das Jahr 2021 geplante Einzug von Apple in das zentrale Kesselhaus des Kraftwerks, das aktuell vom WilkinsonEyre revitalisiert wird. Der London Campus des IT-Giganten soll sich über sechs Stockwerke erstrecken, insgesamt 1400 Mitarbeiter werden künftig im ehemaligen Kohlekraftwerk beschäftigt sein. Durch dem Einzug einer Iconic Brand wie Apple vollzieht sich die Transformation einer klassischen Industrieanlage zu einem Hotspot digitaler Industrien, zu einem hochwertigen Wohn- und Arbeitsort, zu einem Erlebnisraum noch leichter und eindrucksvoller.
Diese Transformation wird in der Tabakfabrik Linz spätestens mit der Fertigstellung des NeuBau 3 weiter befeuert. Auch wenn Vergleiche zwischen Tabakfabrik und Battersea Power Station, zwischen Linz und London, allein aufgrund der Dimensionen schwierig sind, ergeben sich doch spannende Parallelen und Unterschiede: Zunächst handelt es sich bei beiden Liegenschaften um stillegelegte Industrieanlagen mit nahezu ähnlichem Alter (beide Baubeginn 1929) in zentraler Stadtlage. Während im Fall der Tabakfabrik der Prozess der Transformation nach der Schließung der Zigarettenproduktion im Jahr 2009 gleichsam postwendend eingeleitet wurde, dauerte es in London wesentlich länger, bis sowohl die geeignete Nutzung als auch der geeignete Investor gefunden wurde. Den Wagemut der Stadt Linz, ein Brownfield selbst zu erwerben und unter der Federführung einer Tochtergesellschaft zu entwickeln, konnte London nicht aufbringen. Aus stadtplanerischer Sicht zeigt sich in beiden Fällen, dass jahrzehntealte Industriebauten nur schwer als Monolithen existieren können. Als Architekturikonen stiften sie Identität für ganze Stadtteile, sie brauchen in ihrem Umkreis aber eine entsprechende Infrastruktur aus verschiedenartigen Neubauten, um als eigenständige Stadtviertel ihre ganze Anziehungskraft entfalten zu können.

Visualisierung: Foster + Partners

Visualisierung: Foster + Partners

© 2018 RAFAEL VIÑOLY ARCHITECTS