Urban Miner | Auf der Suche nach der Heiligen Vorhaut in der Wiege der Protomoderne
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Auf der Suche nach der Heiligen Vorhaut in der Wiege der Protomoderne

Auf der Suche nach der Heiligen Vorhaut in der Wiege der Protomoderne

Der Ursprung und die Wurzel meiner Tätigkeit liegt in meiner Familiengeschichte begründet. Ich komme aus dem oberösterreichischen Hausruckviertel und alle meine unmittelbaren Verfahren waren im Bergbau tätig. Diese Arbeitsweise hat mich seit jeher fasziniert. Bergmänner und -frauen sind ein ganz bestimmter Typ Mensch. Man muss es sich verdeutlichen, was diese Tätigkeit mit sich bringt: Du betrittst unbekanntes Terrain, betreibst Grundlagenforschung, machst Sondierungsbohrung, gehst unter Tage… und zwischen kleinem Ungetier und steigendem Wasser kommt dieser besondere Moment, in dem du mit der Karbidlampe ins Dunkel des Bergstollens leuchtest und dahin gehst, wo noch nie zuvor ein Mensch war. Das bewegt etwas in dir. Dieser Wagemut ist etwas Besonderes. Hier gräbt man nach Rohstoffen und fördert diese zutage.

Und wir, die wir uns Urban Miner nennen, tun das auch heute noch, als eine Tätigkeit, die für die Gesellschaft von höchster Relevanz ist. Wir suchen nach Urbanen Minen, suchen nach Bohrtürmen… nur dass der Rohstoff nicht mehr Kohle heißt. Viel eher suchen wir nach universellen Innovationen, Daten, neuen Zugängen. Wir Urban Miner treffen einander tatsächlich in alten Bergstollen – so wie letzten Sommer im Barbarastollen unter dem Titel „Glut&Asche“. Wir laden dazu verschiedene Menschen unterschiedlicher Professionen ein, um der Fragen nachzugehen: Was ist der Rohstoff der Zukunft? Und wie können wir ihn zutage fördern?

Kreativität – der Rohstoff der Zukunft

Wir wissen: Der Grad der Automatisierung nimmt zu. Meine Ableitung daraus ist: Wir müssen uns von Robotern und Computerchips klar unterscheiden, müssen besser sein, in dem was wir können. Für mich ganz persönlich ist das alles keine Horrorvorstellung, sondern nur die Frage, wie wir den Change gestalten – in dem Wissen, dass Kreativität der Rohstoff der Zukunft ist. Das ist der Ausgangsstoff, daraus werden Innovationen generiert, Prototypen gebaut und letztendlich Produkte gefertigt.

Ich beobachte, dass unglaublich viel Geld investiert wird, um Räume der Innovation zu schaffen. Es braucht dazu viele Kompetenzen und es müssen Räume sein, in denen man zusammenkommt und neue Werkzeuge auspackt. Es müssen Räume sein, die Kreativität stimulieren und gleichzeitig braucht es auch die richtigen Organisationsformen, um Innovation möglich zu machen. Im Bergbau hieß diese Art des Zusammenschlusses RAG – die Rohölauffindungsgesellschaft. Ich plädiere für eine KAG – Kreatvitätsauffindungsgesellschaft. Nur am Namen sollte man feilen, das Prinzip des Zusammenschlusses, der Vernetzung und der Überlagerung von Kompetenzen über den gesamten Globus, ist allerdings richtig.

Lara Laser und Johnny Java

Als Urban Miner graben wir immer auch nach Philosophien – in den Regionen und international. Österreich ist mit Sicherheit ein Land der Arbeit. Wir feiern den 1. Mai und tragen Nachnamen, die von der Tätigkeit unserer Vorfahren herrühren, wie Schneider, Müller oder Bauer. Wenn im ländlichen Raum ein runder Geburtstag ansteht, passiert es oft, dass FreundInnen und Bekannte ein Avatar bauen. Eine Puppe, die dem Geburtstagskind ähnlich schauen soll und noch ein Schild „Alles Gute zum Geburtstag“ in der Hand hält. Die Figuren zeigen dann fast ausschließlich Menschen in Arbeitsposen – am Acker, am Schreibtisch, im Blaumann.

Oder denken Sie an Indianer. Sie haben alles auf den Büffel ausgerichtet: Das Fell hat sie gewärmt, das Fleisch genährt, das Zusammenleben hat sie geprägt und auch Namen gegeben, wie Sitting Bull. Doch dann war eines Tages der Büffel nicht mehr da. Er wurde von Buffalo Bill erlegt. Was tun wir in Europa, wenn die klassische Arbeit abgelöst wird? Tragen wir dann neue Namen, wie Lara Laser und Johnny Java?

Diese Beispiele verdeutlichen wieder, dass wir unsere Gesellschaft in diese neue Zeit überführen müssen. Je unbegreifbarer die Digitalisierung Arbeit macht, desto wichtiger wird wieder die Haptik. Meine Großmutter, die mich sehr geliebt hat, konnte bis zum Schluss nicht verstehen, was ich eigentlich arbeite, weil es keiner dieser klassischen Berufe mehr war, die sie kannte. Die Geburstagspuppen werden Phantome der Vergangenheit und wir müssen uns wieder die Frage stellen, was Arbeit für uns ist. Ist unser Zeitbegriff noch adäquat? Ich denke nicht – weil es Freizeit und Arbeitszeit in seiner ursprünglichen Trennung nicht mehr gibt.

Die Glattheit des Digitalen und die Rauheit der Geschichte

Daher müssen Arbeitsräume auch völlig neu gedacht werden. Und durch die Glattheit des Digitalen ist die Rauheit der Geschichte wieder von gewichtiger Bedeutung. Um sich hier abzuheben, lohnt abermals der Blick in die Geschichte. Nehmen wir das Beispiel der Stadt Calcata. Sie liegt an einem denkbar ungünstigen Platz, hoch am Berg, schlecht zu erreichen, weit weg von Rom. Und trotzdem pilgern jährlich tausende von Gläubigen dorthin. Calcata hat seine Aura und damit seinen USP anhand einer vermeintlichen Reliquie emporgezogen. Umso näher eine Reliquie an einem Heiligen war, desto wertvoller ist sie. Nun ist ja hinlänglich bekannt, dass Jesus als Jude geboren wurde. Und dass es üblich ist, als Jude beschnitten zu werden. Wir kennen dann alle seine Leidensgeschichte und dass er am Ende gen Himmel gefahren ward. Aber seine Vorhaut, die ist auf der Erde zurückgeblieben. Konserviert angeblich in Calcata. Eine Geschichte, die Calcata reich machte. Einziges Problem: Es gibt sechs Orte, die sich rühmen, die Vorhaut Jesus‘ zu besitzen. Aber das scheint viele nicht zu stören.

„Papa, warum hat der einen Draht im Kopf?“

Was wir uns aus diesem Prinzip abschauen können, ist die Demonstranz unserer Geschichte. Wir dürfen sie nicht wegwischen – im Gegenteil: Wir sollen sie herauskehren und sie mit unserer neuen Software zu einer Anziehungskraft entwickeln. Dieser Magnetismus zieht Talente und schraubt uns ein das neue Zeitalter. Wir stehen gerade an der Schwelle zu einer Zeit, die wir noch nicht kennen, eine PostPostModerne hin zur Neuen Moderne. Diesen Zwischenraum nennen wir die Protomoderne. Darin finden sich moderne, innovative Zugänge, das prototypische Denken, Nachdenkräume, in die wir viele Kompetenzen mitnehmen. Dabei ist es wichtig, dass wir uns nicht mit den immer gleichen Professionen in Echo-Kammern sperren – das habe ich von meinem Sohn gelernt, als dieser 3 Jahre alt war. In der Adventzeit sind wir nach Christkindl gefahren. Als mein Sohn in der Krippe das Jesuskind liegen sieht, fragt er: „Papa, warum hat der einen Draht im Kopf?“ Es war natürlich die Darstellung des Heiligen Scheins. Weil mein Sohn aber dieses Framing nicht hatte, wir aber alle mit der Konnotation konditioniert wurden, sehen wir den Heiligen Schein. Mein Sohn aber hat mein Bild dekonstruiert, da er noch die unverfälscht-kindliche Wahrnehmung hatte. Darum ist es wichtig, in die Wiege der Protomoderne Menschen mitzunehmen, die Heiligen Scheine sehen und Menschen, die Drähte sehen.

Kollege Sisyphos weiß, wovon ich rede

Wie sich Arbeit in dieser neuen Zeit gestalten wird, wissen wir nicht im Detail. Eines wissen wir aber bereits aus der griechischen Antike: Die Strafe der Verdammten ist schlechtbezahlte, sinnlose Arbeit. Kollege Sisyphos weiß, wovon ich rede. Daher müssen wir Räume und Strukturen schaffen, die dieser Verdammnis entgegenwirken. Sonst können wir weder Kreativität noch Innovation fördern. Und eine der großen Chancen der Digitalisierung ist, dass wir monotone Arbeiten abgeben können. Die Antwort soll heißen: Arbeiten wie Gott in Frankreich! Inspirierender Austausch mit KollegInnen, vertiefende, harte Arbeit kombiniert mit sanfter Entspannung, eingebettet in funktionierende und gut ausgestattete Netzwerke – auf diese Art können wir von der Muse geküsst Innovation freisetzen.

Auch hier können wir aus der Geschichte lernen: Die Dombauer gingen auf Walz, um sich mit anderen auszutauschen, Neues zu lernen, Fremdes mit Bekanntem zu kombinieren. Ort und Strecke waren gleichermaßen wichtig. So verhält es sich auch mit unseren Digital Natives. Es braucht also wieder Orte, die wie Dome funktionieren und Wege, die diese verbinden. Stätten der Produktion, in der die Zukunft in der Gegenwart generiert wird, werden die wichtigsten Orte der Welt werden, Orte des Konsums werden zurückgedrängt, Orte der Durchmischung werden die großen Fragen lösen.

Pony-Express und Seidenstraße

Auch der Eiffelturm, der heute ein beliebtes Selfie-Motiv ist, war früher der Inbegriff von Innovation, der weit über alle anderen Häuser hinausragte. Auch eine Pyramide überzeugte nicht durch ihr Raum- und Funktionsprogramm, sondern durch ihre Symbolik. In Europa müssen wir die alten Fabriksstätten wieder zum Leuchten bringen und in eine funktionierende Kybernetik überleiten – über ganz Europa hinweg. Entlang alter Infrastrukturwege, wie dem Pony-Express oder der Seidenstraße können diese Leuchtpunkte wieder zusammengeschlossen werden. Die Aufwertung der Westmagistrale ist für Österreich ein erster Entwicklungsschritt hin zu einer HUBtischen Produktionskette, die sich von Wien bis Innsbruck spannt. Kreativquartiere entlang der Zugstrecke versöhnen städtischen und ländlichen Raum, stoppt die Versiegelung, bietet digitalen Nomaden Andockpunkte und Talenten Einstiegspunkte. Von HR-Managern wissen wir, dass die Top-Arbeitskräfte entlang guter Infrastruktur zu finden ist. Diesen Aspekt muss man in Überlegungen aufnehmen und warum nicht gleich Räume beweglich machen – mit Waggons?! Sehen wir ein rollendes Büro oder ein Zugabteil, wie noch zu Sisis Zeiten? Heiligenschein oder Draht im Kopf?

Stahl und digital

Die Transformation in ein neues Zeitalter hat längst begonnen und kann auch nicht mehr aufgehalten werden. Veränderung sollte man mit Freude begegnen, dann kann sie auch Nutzen stiften. Auch Linz hat es geschafft, von der dreckigen Stahlstadt zur maßgebenden Digitalstadt zu werden. Auch die Tabakfabrik wurde von der stinkenden Tschickbude zur mondänen Innovationsstube. Wichtig ist, eine Community zu formen und die richtige Ökologie rechtzeitig zu bilden, also ein Gewebe auszuformen, das niemanden zurücklässt, neue Aspekte einbringt, tolerant und offen bleibt sowie die Überlagerung von Andersartigkeiten als fruchtbringende Kollaboration begreift.

Dieser Text ist auch Teil eines Vortrags, den Chris Müller am Corporate Culture Jam Festival in der Ankerbrotfabrik präsentierte.