Urban Miner | 11K
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Die 11 Ks des Urban Mining

I KONSTELLATION

„Was tun mit …?“ Vor dieser Frage stehen Kommunen, Unternehmen oder Eigner von Industriebrachen. Sie suchen Ideen und Investoren, um die die Areale einer Neunutzung mit gesellschaftlichem Mehrwert bzw. einer ökonomisch sinnvollen Weiterentwicklung zuzuführen. Die OÖ Wirtschaftsagentur GmbH hat allein für Österreich Tausende ungenutzte Industriebrachen ermittelt. Insgesamt ergeben diese eine Fläche von rund 130.000.000 m², was dem Stadtgebiet von Linz entspricht oder etwa 4.500 durchschnittlichen Betriebsstandorten.

II KONVERSION

Eine Wiedereingliederung dieser „Brownfields“ in den Wirtschaftskreislauf bremst die Zersiedelung der Landschaft und wirkt der Neuversiegelung fruchtbaren Bodens im Umfeld großer Städte entgegen. Gleichzeitig fördert sie die Entwicklung eigenkapitalschwacher, aber entwicklungsdynamischer Gewerbe und Industrien insbesondere der so genannten „Kreativen Klasse“. Gemeinsam mit DialogpartnerInnen aus Immobilienszene, Architektur, Wirtschaft und Politik muss das Potenzial der Standorte analysiert, neue Denkmodelle entwickelt und umsetzungstaugliche Strategien für deren Neu- bzw. Weiterentwicklung erarbeitet werden.

III KONTAMINATION

Jedes „Brownfield“ ist kontaminiert. Damit ist nicht bloß eine allfällige ökologische Beeinträchtigung des Standorts durch Altlasten des industriellen Betriebs gemeint. Ins Positive gewendet bedeutet Kontamination, dass jedes Brownfield eine gleichsam archäologische Formation von sich überlagernden Geschichten, Zuschreibungen und Bedeutungen ist. Dem Selbstverständnis von „Urban Mining“ folgend, muss danach bewusst gegraben werden, Schicht für Schicht freigelegt und das zutage Geförderte zu einer Geschichte formuliert werden, die die Zukunft des Areals aus dessen Herkunft ableitet. Auch ein transformiertes „Brownfield“ schöpft zumindest einen Teil seiner Identität aus der eigenen Vergangenheit. Kontamination bedeutet demnach auch: Identifikations-Anker für kommende NutzerInnen sowie sämtlicher Stakeholder.

IV KONSPIRATION

Dem Wortsinn entsprechend handelt erfolgreiches Brownfield-Redevelopment konspirativ und bringt Menschen unterschiedlichster Disziplinen und Kompetenzen zusammen, die sich wechselseitig inspirieren und für ein und dasselbe Ziel begeistern können: das bestmögliche Szenario für die Wiederbelebung eines Brownfields zu finden und dessen gesellschaftlichen Mehrwert zu erhöhen. Dabei möchte ich den Begriff „Beta“ betonen. Der zweite Buchstabe des griechischen Alphabets signiert für mich den Mut zum Neuen: neue Pfade, neue Methoden, neue Gesprächs- und Entwicklungskulturen, neues Arbeiten, ein neuer Blick auf Chancen und Risiken. Wer vermeintlich gesicherte Bahnen verlässt, kann scheitern, wer sie nie verlässt, ist schon gescheitert. Das Entwicklungsteam soll, um Bertolt Brecht zu paraphrasieren, mit FreundInnen ins Offene kommen. Das sind Räume, so genannte „Beta-Fields“, in denen das Neue wachsen kann. Wer diese Räume bauen will, muss sie erahnen, muss sie sich und anderen ausmalen, muss sie erzählen können.

V KOLLABORATION

Aus der geteilten Begeisterung erwächst die kollaborative Umsetzung. Es braucht eine starke Person mit Lotsen-Funktion, die Prozesse gemäß der gemeinsamen Vision lenkt, auf die Leuchtturm-Funktion des Gesamtprojekts achtet, aber jeden einzelnen Schritt nach Bedarf der jeweils Involvierten entwickelt und darauf achtet, eine Ökologie zu initiieren, die eine wachstumsfähiges Fundament bildet. Weder Immobilienprojekte noch Unternehmen sollten auf dem Reißbrett entstehen. Erfolgreiche Umsetzungen zeichnen sich nicht zuletzt durch pragmatische, am Bedarf der NutzerInnen entwickelte Raumkonzepte ab. Der kollaborative Prozess endet nicht mit Abschluss der baulichen Maßnahmen, sondern bewährt sich im begleitenden Community Management. Der/Die Community ManagerIn muss für ein transparentes Projektmanagement sorgen und als MotivatorIn agieren, damit alle maßgeblich Beteiligten über die gesamte Projektdauer gemeinsam an einem Strang ziehen. Der/Die ManagerIn agiert als Impuls- und IdeengeberIn, geht auf BewohnerInnen und NutzerInnen der neu positionierten Areale aktiv zu und schafft eine begegnungsfreundliche Umgebung, in der der Geist von Vernetzung und Miteinander das Nebeneinander herkömmlicher Büros und Wohngebäude ablöst.
Der Blick richtet sich dabei nie nur nach innen. Erfolgreiche Kollaboration heißt weltweite Vernetzung von innovativen Standorten – so genannten „Beta-Orten“. Vom Know-how-Transfer profitieren beide Seiten und bildet – wie auch die Tabakfabrik Linz – einen Boten der Ökonomie der Kooperation.

VI KOMPOSITION

Erfolgreiches Re-Development integriert unterschiedliche Nutzungstypologien, Branchen und Anspruchsgruppen. Dabei müssen die persönlichen und beruflichen Entwicklungsziele potenzieller NutzerInnen genau betrachtet und deren Netzwerkstrukturen recherchiert werden. Zudem gilt es, künftige Wertschöpfungsketten zu identifizieren, entlang derer die Bildung von Clustern vorangetrieben werden kann. Hält der Trend zur „Gig-Economy“ wie prognostiziert an, dann braucht es Orte, an denen sich die „Contractors“, also selbstständige AuftragnehmerInnen großer Unternehmen „verbünden“, ihre Isolation durchbrechen und gemeinsame Projekte stemmen können.
Komposition bedeutet, die für das Leben auf neu positionierten Arealen unerlässlichen Komponenten zu erkennen und zu integrieren. Das heißt auch, die sozialen Umfelder der NutzerInnen nach Möglichkeit am Standort zu berücksichtigen: von Kinderbetreuung bis Rekreation, von Bildungsangeboten für alle Generationen bis zu Event- und Gemeinschafts-Zonen.

VII KOMMUNIKATION

Zeitgemäßes Immobilien-Development setzt auf Beteiligung aller Stakeholder. Grundvoraussetzung dafür ist eine transparente, dialogbereite und integrierte Projektkommunikation. Sie nutzt klassische wie digitale Formen und Kanäle, formuliert klare Botschaften, operiert mit starken, positiv besetzten Bildern und erhöht durch professionell in Szene gesetzte Mitbestimmungs-Events die Identifikation mit dem jeweiligen Projekt. Mit der gesamten Klaviatur der Kommunikation wird das Ziel verfolgt, das jeweilige Projekt als Marke zu etablieren und zu stärken. Im Markenkern steckt in der Regel die ursprüngliche Bedeutung des Standorts, seine historische Bedeutung für das Umfeld, für die Stadt. Im angestrebten Idealfall erwächst aus dem „Brownfield“ ein „Leuchtturm“ von assoziativer Strahlkraft, der dem urbanen Umfeld zu neuem Glanz und verstärkter Wahrnehmung verhilft.

VIII KONSTRUKTION

Es ist zielführend in der Planung darauf zu achten, dass unterschiedliche Lebens- und Arbeitsformen nicht nur unter einem Dach bzw. auf einem Areal koexistieren können, sondern dass die Unterschiedlichkeit als dynamisierender Faktor begriffen wird. Dafür braucht es über die bloße Funktionalität hinausreichende, Sinne und Kreativität beflügelnde Bauten. Kurz: eine Architektur, die stimuliert und signalisiert: Hier wird Zukunft ins Werk gesetzt.

IX KOHABITATION

Projekte im Bereich Brownfield Re-Development mögen ein definiertes Ende haben. Das neu etablierte Areal selbst unterliegt einem permanenten Wandel, den seine NutzerInnen vorantreiben. Es ist der Prozess der Kohabitation, also der geteilte Aufenthalt unterschiedlichster Nutzungen: Wohnen und Arbeiten; Kreation, Produktion und Rekreation; Aus- und Weiterbildung; Forschung und Entwicklung. Die wirtschaftlichen und sozialen Dynamiken gilt es an den neu etablierten Standorten zu analysieren und die Verantwortlichen hinsichtlich einer dynamischen Weiterentwicklung weiter zu beraten. Die Erkenntnisse, die Brownfield-Projekte auf der ganzen Welt zutage fördern, sollten einander durch intelligente Vernetzung ergänzen, sodass neu zu belebende Brownfield-Projekte von diesem Wissens- und Kompetenzpool, profitieren können.

X KAPITALISIERUNG

Soll ein Areal oder ein Objekt zum Projekt werden, müssen dessen Finanzierung sichergestellt und PartnerInnen für die notwendigen Investitionen gefunden werden. Dazu braucht es ein verlässliches Netzwerk ausgewählter ExpertInnen – zum Beispiel SpezialistInnen der Adaption von Arealen, die Liegenschaften prüfen, Ankäufe erwägen und den notwendigen Cash-Flow sicherstellen. Andere wiederum sind als Business-Angels und Investoren zur Stelle, wenn kapitalschwache, aber innovationsstarke Unternehmen (Start-Ups, GründerInnen, ErfinderInnen) ihre Lösungen, Produkte und Dienstleistungen am Markt positionieren wollen, bzw. einen erfolgreichen Exit bewerkstelligen wollen.

XI KUMPANE

Kumpane oder Bergwerkskumpels sind Menschen, die ihr Brot (lat. panis) miteinander teilen – oder auch: Aufgaben, Kompetenzen, Haltungen, Werte und Ziele. PartnerInnen – egal ob Innovierende oder Investierende, egal ob Begleitende und Beratende aus Bildung, Wissenschaft und Kunst, Gewerbe und Industrie – sollen auf gemeinsames Arbeiten einschwören und diesen in den Projekten und unter ihren NutzerInnen verbreiten. Dahinter steht die Erkenntnis, dass kommunitäre Steuerung auf längere Sicht bessere und langfristigere Ergebnisse zeitigt. Kurzfristiger Kosteneffektivität weicht dem „kumpanische“ Arbeiten.